01. - 03. November 2019 im City46

Rumänien Filmtage

Das Filmbüro Bremen organisiert in diesem Jahr mit dem Kommunalkino CITY46 die Rumänien Filmtage.

rumaenien FT front
rumaenien FT front

Kuratorin des Langfilmprogramms der Rumänien Filmtage und Autorin aller Filmtexte: Irene Rudolf

Zur Jahrtausendwende hatte Rumänien Kinoruinen, eine brachliegende Filmförderung und ein Kinojahr ohne einen einzigen produzierten Film. Aber die, die beim Sturz Ceaușescus auf den Straßen noch spielten oder schon demonstrierten – oder in den Kasernen ihren Wehrdienst absaßen – waren soweit, und ein einziges Road-Movie, Cristi Puius „Marfa și banii“, lieferte die Blaupause der „Neuen Rumänischen Welle“: lebensnahe Figuren und Dialoge, eine erzählende Kameraführung, die von Technik und Filmgeschichte weiß und eine unbändige Lust, die Filmform in die raffiniertesten Widersprüche zu treiben, die sich dramaturgisch entwickeln lassen. In Cannes dominierte für Jahre der rumänische Film: Ein beispielloses Kino war entstanden, und ist seitdem nicht abgeebbt. Die Rumänien Filmtage zeigen neue Filme zweier seiner großen Protagonisten, Corneliu Porumboiu und Radu Jude, das „Videogramme“-Meisterwerk von Farocki/Ujica über den politischen Umsturz (der bezeichnenderweise von Kamerabildern handelt), zwei Dokumentarfilme, die gemeinsam betrachtet von der Lebenswirklichkeit der Menschen erzählen (Arbeit und schon wieder Kino), eine Fülle von Kurzfilmen und einen Klassiker für Kinder – ein sinnlicher Einstieg in eine der weltweit spannendsten Kinematographien.

Rumänien Filmtage - Flyer

Programm

Freitag, 1.11. um 17:30 Uhr

Videogramme einer Revolution

essayistischer Dokumentarfilm, D/RO 1992, R/B: Harun Farocki, Andrei Ujica, 107', rum. OF mit engl. UT

Der einzige blutige Umsturz im Osten Europas des Jahres 1989 war die rumänische Revolution, und audiovisuelle Medien, Videokameras und Fernsehübertragungen, spielten ihre bis dahin historisch bedeutsamste Rolle. Eine revolutionäre Medienanalyse, eine zeitnahe Rekonstruktion der Ereignisse, praktische Medienkritik als kritische Geschichtsschreibung, für die "Cahiers du Cinéma" eines der zehn subversivsten Filme aller Zeiten - und vom Filmbüro Bremen koproduziert.

Die "Videogramme einer Revolution" entstanden, weil Harun Farocki Andrei Ujicas gemeinsam mit Hubertus von Amelunxen herausgegebenes Buch "Television/Revolution" gelesen und den Medienprofessor Ujica angerufen hatte. "Wir fuhren nach Bukarest", schreibt Farocki in "Substandart", "um Material zu der Frage beizubringen ob - im Wortgebrauch Vilém Flussers - die Kameras die Revolution abgebildet oder eingebildet hätten. (...) Weil unsere Filmerzählung aus vorgefundenen Filmmaterialien zusammengesetzt ist, weil keine zentrale Regie den Personen vor oder hinter der Kamera Anweisungen gegeben hat, will es scheinen, als sei es die Geschichte selbst, die sich hier ausgestaltet." Die "Videogramme" werden 2005 erstmalig im rumänischen Fernsehen ausgestrahlt. "Ich glaube nicht", schreibt der Filmkritiker Andrei Rus, "daß ein Zuschauer, der diesen Film sieht, zur davorliegenden Ruhe zurückkehren kann. Wann immer sich das Problem der Revolution stellen wird, wird er sich auf die "Videogramme" beziehen."
(ir)

Freitag, 1.11. um 20 Uhr

Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen/Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari

essayistischer Spielfim, RO/D/BG/FR/CZ 2018, R: Radu Jude, B: Radu Jude, Florin Lăzărescu, K: Marius Panduru, D: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, 139', rum. OF mit dt. UT

Scharfgestellte, anarchisch verspielte Satire, das "Status Quo" der aktuellen Geschichtsbewältigung und -vergessenheit in Rumänien und "State of the Art" des rumänischen Kinos. Keine Geschichtskittung: Während der freien Produktion eines historischen Reenactments schimmern alle Bruchstellen der Gesellschaft, alle Rassismen und Ressentimens in ihren schillerndsten Farben auf.

Mihai Antonescu, einst Justiz- und Propagandaminister, später dann Außenminister und Vizepräsident der faschistischen Regierung in Rumänien, war nicht mit dem Marschall Ion Antonescu verwandt. Der Filmtitel ist ein Zitat des ersteren, das gerne zweiterem untergeschoben wird. Eine Finte die Namensgleichheit. Eine Finte der Filmtitel: Wer geht in die Geschichte als Barbar ein?

„Eine vielschichtige Parabel über Wahrheit und Täuschung mit viel Witz, ohne je den ernsten Hintergrund des Themas zu verraten.“
Süddeutsche Zeitung
(ir)

Samstag, 2.11. um 15.30 Uhr

Veronica

Kindermusical, RO 1972, R: Elizabeta Bostan, K: Giulio Tincu, M: Temistocle Popa, D: Margareta Pâslaru, Dem Rădulescu, Lulu Mihăescu, 90', dt. Fassung

Um die Ecke der Kindervilla, in der Veronica lebt, liegt eine märchenhafte Welt, in der die Füchsin schwindelt, der gestiefelte Kater eine Mühle betreibt und der Mäuserich und seine Verwandten alle Tücke anwenden, um auf den Tisch zu tanzen.

Eine rumänische Alice in einem hinreißenden 1970er Ost-Look, ein ständiger Anlaß zu einem neuen wunderbaren Lied, ein Kostümfilm mit dem Charme des Selbstgemachten und ein Heidenspaß der damaligen rumänischen Schauspiel- und Popmusikgrößen wie Margareta Pâslaru an einem Kino für Kinder.
(ir)

Samstag, 2.11. um 17.30 Uhr

Chuck Norris und der Kommunismus

Dokumentarfilm, GB/RO/D 2014, R: Ilinca Călugăreanu, 83', rum. OF mit dt. UT

Eine rasant montierte und berührende Ode an das populäre Kino vom Sandalenfilm bis zu Dirty Dancing oder: Wie aus Hollywood über den Umweg der VHS-Technik im sozialistischen Rumänien Widerstand wurde. Die mit zahlreichen Filmausschnitten und Nachinszenierungen durchsetzte Dokumentation rekonstruiert die abenteuerliche Verbreitung und Vorführung und die nicht weniger abenteuerliche Wirkung beliebter amerikanischer Herzens- und Knochenbrecher und ihrer Filme.

Es gibt keine Bilder davon, wie es gewesen ist, die TV-Schirme schauten nicht zurück. Die britische Anthropologin Ilinca Călugăreanu, selbst im Rumänien der 1980er Jahre aufgewachsen, stellt sie nach, das Staunen und die Gier beim heimlichen Betrachten von Hollywoodfilmen. Und die Geschichte der Schattenindustrie, die die Traumfabrik auf abertausende VHS-Bänder in Ceaușescus Wohnsilos brachte, steht den imperialistischen Plots in nichts nach, Pistolenlauf der Securitate inklusive. Im Zentrum des überschwänglichen Kompilationsfilms: Irina Nistor, die Übersetzerin, die nachts synchronisierte. Aus dem Stand, alle Rollen, über 3.000 Filme. Rocky und Jesus von Nazareth und Dirty Dancing. Und es ist, als würde dieser Film ganze Dekaden des Mainstreamkinos vervollständigen durch die Erzählung ihrer außergewöhlichen Wirkung. Rocky rockt Rumänien und Chuck Norris gleich den ganzen Kommunismus.
(ir)

Samstag, 2.11. um 20 Uhr

Short Film Collection

Ein langer Kurzfilmabend mit Publikums- und Kritikerpreis und ein Get-Together von Filmemachern und Publikum.

Sonntag, 3.11. um 15.30 Uhr

Filme pentru copii/Filme für Kinder

Ein Programm für kleine Kinogänger mit kurzen Filmen aus Rumänien und Deutschland und einem Publikumspreis.

Sonntag, 3.11. um 17.30 Uhr

Olanda

Dokumentarfilm, D 2019, R: Bernd Schoch, B: Bernd Schoch, André Siegers, K: Simon Quack, Bernd Schoch, 154', rum. OF mit dt. UT

Pilze. Sammeln. In den Karpaten. Der Hamburger Dokumentarfilmer Bernd Schoch und sein Team folgen den Verästelungen des eigentümlichen Rhizoms, legen dessen kulturelle Wurzeln frei, sammeln und sortieren Aufnahmen seiner Sammler und blicken aufs große Ganze von Himmeln, Physiognomien, Zwängen und einer selbst schon pilzartigen Widerständigkeit.

Die Recherche für "Olanda" wurde 2016 mit dem "Bremer Dokumentarfilm Förderpreis" ausgezeichnet, seine Premiere feierte der Film auf der diesjährigen Berlinale. Filmgespräch mit dem Regisseur Bernd Schoch nach der Vorführung.
(ir)

Sonntag, 3.11. um 20 Uhr

Der Schatz - Comoara

Spielfilm, RO/FR 2015, R/B: Corneliu Porumboiu, K: Tudor Mircea, D: Cuzin Toma, Adrian Purcărescu, Corneliu Cozmei, 89', rum. OF mit dt. UT

Kino als synästhetische Wahrnehmung von banalen Handlungen und märchenhaften Entscheidungen: Mit einer Schatzsuche auf dem Familiengrundstück versöhnt der wunderbare Filmemacher Porumboiu die langweiligen Tücken des Alltags mit den großen Momenten des Lebens, deren Autoren wir ebenfalls sind.

Man sollte nicht den puren Wortsinn vergessen, wenn man einen Film von Corneliu Porumboi sieht. Nicht die diabolische Präzision, mit der der Schauspieler Vlad Ivanov als Vorgesetzter dem jungen Polizisten in Porumboius Film "Police, adjective" die Semantik des Adjektivs "polizeilich" entgegenschleuderte, bis dieser - und mit ihm der ganze Film, der ihm bei seiner polizeilichen Beweisaufnahme folgte - buchstäblich am Ende sind. "Comoara", "Der Schatz", sieht dem jungen Familienvater Costi dabei zu, das Geld und den Detektor und die Ausgrabungen zu besorgen, um für den Preis einer Gewinnbeteiligung seinem durch die Zinsen für die Bukarester Eigentumswohnung in finanzieller Not geratenen Nachbarn Adrian dabei zu helfen, einen Schatz zu heben, der möglicherweise unter einem Baum auf dem urväterlichen Grundstück in Islaz liegt. Costis Ehefrau befeuert die staubige Schatzsuche durch staubtrockenes Schulwissen: In Islaz, dem Kaff, wurde die Revolution von 1848 ausgerufen, und zwar durch Söhne ziemlich reicher Familien. Jetzt scannen drei Männer bis Nachteinbruch unter lautem Geräusch wenig Erde mit schwerem Gerät, bis die Geschichte und später dann auch dieser Film ein ironisches, ein fulminant märchenhaftes Geheimnis preisgibt.
(ir)

Veranstaltungsort:

CITY 46, Kommunalkino Bremen e.V.
Birkenstr. 1, 28195 Bremen
Tel. 0421/957 992-90, (Email-Adresse)
Mehr Infos und ausführliche Filmbeschreibungen auf deutsch unter www.city46.de und im Programmheft.

Organisation:

Filmbüro Bremen e.V.
Jan Rademann
(Email-Adresse)
0421-708 4891

Eine Kooperation von Filmbüro Bremen und dem Kommunalen Kino / City 46. Gefördert vom Senator für Kultur und dem Rumänischen Kulturinstitut Berlin.

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