25. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis die Preisträger:innen 2025
Aus 53 eingereichten Filmideen hat die Jury drei Projekte für den Bremer Recherchepreis ausgewählt. Das Filmbüro Bremen unterstützt auf diese Weise seit 1991 die Lust am dokumentarischen Filmschaffen und ermöglicht den ausgezeichneten Projekten eine intensive Entwicklung.
Die ausgewählten Projekte zeichnen sich durch subtile Verflechtung von persönlicher Erinnerung, politischer Geschichte und ökologischer oder emanzipatorischer Reflexion aus, sowie ihre mehrschichtige Herangehensweise an Zeitdokumente des 20. Jahrhunderts. Mit Yuliya Tsviatkova ist eine mittlerweile bekannte Bremer Künstlerin nun auch im Dokumentarfilm ausgezeichnet worden.
Die Ausschreibung des Preises erfolgt bundesweit und anonymisiert. Es geht dem Filmbüro darum, Dokumentarfilmideen sowohl aus den Zentren als auch den Winkeln der Gesellschaft ins Licht zu locken und insbesondere bisher unterrepräsentierten Personengruppen größere Chancen auf die Realisierung ihrer Projekte zu geben. 53 Filmschaffende waren diesem Aufruf gefolgt. Mit 62% lag der Frauenanteil bemerkenswert hoch, der Anteil an Personen mit Migrationsbiografie lag bei 34% und aus Wohnorten jenseits der "Filmstädte" erreichten uns 47% der Projektideen.
Auch wenn die Beurteilung der Ideen für die Jury manchmal schwierig ist, wenn die Person dahinter unbekannt bleibt; diese Zahlen bestätigen uns darin, dass die anonymisierte Bewerbung zur traditionellen Offenheit des Preises passt und einen wichtigen Impuls in die Filmlandschaft sendet. Denn für die mit dem Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ausgezeichneten Projektideen öffnen sich leichter die Türen von Produktionsfirmen, Sendern und weiteren Förderungen. Das bringt frische Themen und besondere künstlerische Umsetzungskonzepte in die Branche.
Natürlich braucht es für die Auswahl der Projekte eine Jury, die sich auf die thematische und konzeptionelle Vielfalt der Bewerbungen einlassen kann:
Die Jury 2025 bestand aus:
Viktor Brim, Medienkünstler und Filmemacher, Köln
Silke Merzhäuser, Autorin und Produzentin, Rosdorf
Afsun Moshiry, Kulturschaffende und Produzentin, Berlin
Die Jury traf sich zur zweitägigen Beratung in Bremen und gab auch für die nicht geförderten Projekte wertvolle Einschätzungen zu Protokoll, die von den Filmschaffenden telefonisch im Filmbüro abgerufen werden können. So trägt auch eine Ablehnung zur Weiterentwicklung der Filmprojekte und Motivation der Filmschaffenden bei.
Die Preisträger:innen 2025
Yuliya Tsviatkova: AFTER DVINA
Im Spiegel eines glazialen Sees verschmilzt die verfallene Raketenbasis mit Wald und Moor – ein Ort, an dem Natur Erinnerung bewahrt, während menschliches Gedächtnis zerfällt. After Dvina ist eine filmische Meditation über Vergessen und Überleben, über Landschaften als Archive der Gewalt – und über das unruhige Flimmern einer Vergangenheit, die nicht gänzlich vergangen ist.
Yuliya Tsviatkova
(*1993, Belarus) ist eine bildende Künstlerin und Filmemacherin mit Sitz in Bremen, Deutschland. Mit einem Hintergrund in Biologie und Freier Kunst begreift sie das bewegte Bild als einen Raum, in dem sich wissenschaftliche Beobachtung und poetische Erfahrung begegnen. Ihre Arbeit untersucht Ökologie, Erinnerung und politisches Trauma in nicht-linearen Erzählstrukturen und thematisiert dabei häufig Exil, Umweltgewalt sowie die Verflechtung menschlicher und nicht-menschlicher Lebensformen.
Jurybegründung
After Dvina überzeugt durch die subtile Verflechtung von persönlicher Erinnerung, politischer Geschichte und ökologischer Reflexion. In einer kontemplativen Ortsbeobachtung der ehemaligen sowjetischen Raketenbasis Plokštinė in Litauen wird die gewaltvolle Einschreibung der Geschichte in die Landschaft ebenso spürbar wie die Fragmentierung der Erinnerung. Die Filmidee vereint historische, nie gänzlich verschwundene Traumata angesichts gegenwärtiger Militarisierungsprozesse in einen zeitlosen, universellen Zusammenhang und erweitert die Wechselwirkungen zwischen Natur, Geschichte und Gedächtnis auf eindrucksvolle Weise. After Dvina mahnt an die weitreichenden Konsequenzen von politischer Gewalt, die Spuren in Landschaften und Körpern hinterlässt.
Julien Kartheuser: LEGENDA
In Lettland, in der weitläufigen und wilden Region Kurland, hat sich Talis, ein lokaler Bauer, der unmöglich erscheinenden Aufgabe angenommen, hunderttausende von Soldaten auszugraben und zu identifizieren, die im Zweiten Weltkrieg in seiner Heimatregion verschollen sind. Talis und die von ihm gegründete internationale Gruppe von Freiwilligen „Legenda Archeology“ durchpflügen eine bislang unerforschte Naturlandschaft, die vom Schrecken der Vergangenheit geprägt ist und die ihre Erinnerungen an diejenigen weitergibt, die ihre Augen weit genug öffnen.
Julien Kartheuser
ist ein interdisziplinärer Künstler, geboren 1999 in Lüttich, Belgien. Er studiert im Bachelor Video-Narration an der École de Recherche Graphique (ERG) in Brüssel und im Master Film an der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) in Hamburg. In seiner dokumentarischen Praxis verfolgt er einen direkten und partizipativen Ansatz, der Feld- mit historischen Recherchen verbindet. Der künstlerische Prozess ist bewusst kollaborativ angelegt – Beziehungen, Zeit und gemeinsame Erfahrungen prägen und gestalten die Erzählung.
https://www.instagram.com/kartheu/
Jurybegründung
LEGENDA zeichnet seine mehrschichtige Herangehensweise aus, in der der Filmmacher die persönliche Familiengeschichte, kollektive Erinnerungsarbeit und eine radikale Auseinandersetzung mit Landschaft als lebendigem Archiv verbindet. Das Vorhaben entwickelt eine besondere visuelle Sprache, die dokumentarische Beobachtung mit technologischen Visualisierungsmethoden – von 3D-Lidar-Scans bis UV-Licht-Aufnahmen – verschmilzt und damit neue Perspektiven auf die im Boden verborgenen Schichten der Geschichte eröffnet. Dabei gelingt es dem Film, die Spannung zwischen der akribischen Suche der Organisation "Legenda Archeology" und der verwurzelten Naturlandschaft Kurlands in ihrer mehrschichtigen Verwobenheit zu betrachten. In dieser komplexen Erkundung zwischen Vergangenheitsbewältigung und organischem Vergessen entwickelt LEGENDA eine eigene dokumentarische Form, die zeigt, wie Geschichte in Landschaft eingeschrieben bleibt und sich zugleich entzieht. Wir werden gezwungen hinzusehen - dorthin, wo Leben und Tod ineinander übergehen und Erinnerung eine Form von Widerstand gegen das Vergessen wird.
Henrike Meyer: MON CHÉRIE AMOUR
Ein Wäschekorb voller Kassetten entpuppt sich als intime Hinterlassenschaft: Zwischen selbstbespielten Mixtapes finden sich Aufnahmen von Stimmen aus den späten 80er Jahren – Nachrichten, die auf dem Anrufbeantworter von Lothar V. hinterlassen wurden, einem Handelsvertreter mit internationalen Liebhabern. Mit Mon Chérie Amour folgen wir Lothars Spuren, besuchen seine Orte, treffen Wegbegleiter:innen und sprechen mit ihnen über queeres Leben, Lieben und Überleben in den 80ern.
Henrike Meyer
ist Filmemacherin und lebt in Berlin. Sie hat Theater-, Kunst- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie Visuelle Kommunikation und Kunst und Medien an der Universität der Künste studiert, mit einem Austauschjahr an der Cooper Union in New York. 2013 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin von Thomas Arslan ab. Ihre Filme bewegen sich zwischen Dokumentar, Spiel- und Essayfilm. Feldarbeit und Heimsuchung liefen auf Festivals wie der Duisburger Filmwoche, der Dokumentarfilmwoche Hamburg und dem Kasseler Dokfest. Für ihren Langfilm To Be an Extra erhielt sie das Berliner Film- und Videokünstlerinnen-Stipendium, das Projekt wurde für die Berlinale Doc Station ausgewählt und feierte 2024 auf dem CPH:DOX Premiere. Neben ihrer eigenen Arbeit ist sie in der Filmvermittlung tätig, begleitet filmische Projekte dramaturgisch und unterrichtet als freie Dozentin.
www.henrikemeyer.de
Jurybegründung
Fasziniert sind wir den Beschreibungen der Filmemacherin gefolgt, in denen der Inhalt eines Wäschekorbs zum kostbaren Zeitdokument wird. Ein Anrufbeantworter wird zum ereignisreichen Zentrum für eine Gruppe von queeren Menschen in den 80er Jahren – zum kollektiven Erinnerungsort. Das Vorhaben gibt Einblicke in Leben, die freud-, lustvoll, extrovertiert waren und ein dünnes Netz der Leidenschaften gesponnen haben, das durch den Austausch von Mixtapes stabilisiert wird. Die Filmemacherin lässt uns mit ihrer aufmerksamen, akribischen und phantasievollen Spurensuche durch ein Schlüsselloch in eine Zeit blicken, in der queeres Leben schillernd und zugleich bedroht war. MON CHÉRIE AMOUR ist ein sensibles, klug konzipiertes Projekt, das intime Spuren des Lebens hörbar macht - als Akt der Sichtbarkeit.
Die Jury
Viktor Brim, Medienkünstler und Filmemacher, Köln
Viktor Brim (*1987 Taschkent, Usbekistan) untersucht, wie sich Macht und Ideologie in Landschaften einschreiben – von postsowjetischen Extraktionszonen bis zu zeitgenössischen Standorten globaler Technologieinfrastruktur. Seine Feldforschung führte ihn zu Diamantminen in Sacha (Jakutien), Nickelabbaugebieten auf Sulawesi, Seltene-Erden-Verarbeitungsanlagen in Malaysia und Salzseen in der Mojave-Wüste. Diese Orte dienen als Ausgangspunkte für eine erweiterte Praxis, die Landschaft als skulpturales Material behandelt, geformt durch sich überschneidende menschliche und nicht-menschliche Prozesse. Mittels forensischer Bildgebung und operationeller Ästhetik kartografiert Brim, wie technologischer Fortschritt durch systematische Ressourcenextraktion materialisiert wird und dabei periphere Territorien weltweit in operationelle Felder verwandelt. Durch den Einsatz von Drohnentechnologie und Fernerkundungsmethoden schafft er visuelle Archive, die Muster der Ausbeutung offenlegen, welche vom Boden aus unsichtbar bleiben. Seine Arbeit bleibt dabei stets aufmerksam für geologische und hydrologische Prozesse, die vor der Menschheit existierten und nach ihr existieren werden.https://viktorbrim.com/
Silke Merzhäuser, Autorin und Produzentin, Rosdorf
Silke Merzhäuser studierte Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Seit 2000 arbeitete sie als Dramaturgin am Schauspiel Hannover, am Theater Basel, am Luzerner Theater und am Deutschen Theater in Göttingen. Für werkgruppe2 ist sie seit 2009 für die Projektentwicklung, Produktion und Autorinnenschaft aller Theater- und Filmprojekte tätig. Sie unterrichtet Dramaturgie und Staging Research an der Universität Göttingen, der HBK Braunschweig, dem Mozarteum Salzburg, der Universität Hannover und der Bundesakademie Wolfenbüttel. Seit 2022 ist sie im Vorstand des Film- & Medienbüro Niedersachsen und Mitglied im Deutschen Drehbuchverband. 2020 wurde der Spielfilm LUISA von werkgruppe2, der dieses Jahr Deutschlandpremiere bei den Hofer Filmtagen feierte, während der Recherche mit dem Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ausgezeichnet. https://www.werkgruppe2.de/
Afsun Moshiry, Kulturschaffende und Produzentin, Berlin
Afsun Moshiry wurde in Shiraz, Iran, geboren und bewegt sich seit jeher zwischen Kulturen, Sprachen und künstlerischen Landschaften. Sie studierte Cultural Studies an der Northumbria University und Kuratieren der Darstellenden Künste an der Universität Salzburg.Ihr Einstieg in die Filmwelt begann als Teil des Kreativteams einer Musik-Dokumentarserie für Media Atelier. Es folgten Projekte im Rahmen von Naomi Kawases Narrative Project in Japan sowie die Entwicklung der Filmreihe A Sense of Place mit der Wim Wenders Stiftung.
2016 kehrte Moshiry in den Iran zurück, um den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Iran im Bereich Film zu stärken. Sie arbeitete eng mit Institutionen wie Berlinale Shorts, Kurzfilmtage Oberhausen, Interfilm, Arsenal und Forum Expanded zusammen, unterrichtete Drehbuchschreiben am ÖKF in Teheran und betreute den Interfilm Script Pitch Iran. Ihre kuratorischen Programme wurden u.a. von den Berliner Festspielen, der Akademie der Künste und der Sinema Transtopia präsentiert.
Moshiry war Mitglied des Auswahlgremiums für Kurz- und mittellange Filme beim Kasseler Dokfest und leitete das Dokfest Campus. Von 2021 bis 2025 war sie Gastdozentin an der Universität Kassel. Derzeit ist sie Mitglied des Auswahlkomitees des Berlinale Forums und Künstlerin der Interfilm Script Pitch. Seit 2020 lebt sie in Berlin und gründete gemeinsam mit Anne Winkler Road River Films.
Ausschreibung
25. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis Ausschreibung 2025
Das Filmbüro Bremen unterstützt mit seinem Förderpreis seit 1991 die Lust am dokumentarischen Filmschaffen und ermöglicht mindestens zwei Projekten eine intensive Entwicklung. Gesucht werden unerwartete Themen, sowie interessante Herangehensweisen. Die unabhängige Fachjury trifft sich Anfang November.
Am Anfang steht die Idee – dann folgt ein oft steiniger Weg bis zur Umsetzung: ausführliche Recherchen, dramaturgische Aufbereitung und die Entwicklung eines filmischen Konzeptes sind mit viel Arbeit, Zeit und Kosten verbunden.
Der Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ist ein Recherche-Preis. Prämiert wird die Idee für einen Dokumentarfilm, die mit Hilfe des Preisgeldes recherchiert und zur Produktionsreife gebracht wird. Antragsberechtigt sind AutorInnen und Filmemacher:innen aus dem gesamten Bundesgebiet.
Der Dokumentarfilm Förderpreis wird zweckgebunden für die Entwicklung des eingereichten Projektes vergeben, die Auszahlung erfolgt in drei Raten. Als Ergebnis sollen ein ausgearbeitetes Treatment und ein Trailer entstehen.
Die Antragstellung erfolg anonymisiert.
Eine unabhängige, jährlich wechselnde Fachjury entscheidet frei und ohne inhaltliche Vorgaben. Die Zusammensetzung der Jury wird nach der Sitzung bekannt gegeben. Sie vergibt zwei bis drei Preise in Höhe von insgesamt 10.000 €, bereitgestellt vom Bremer Senator für Kultur und aus Spendengeldern.
Ein Preis ist einem Projekt mit Bremenbezug vorbehalten.
Der Dokumentarfilm Förderpreis wird zweckgebunden für die Entwicklung des eingereichten Projektes vergeben, die Auszahlung erfolgt in drei Raten. Als Ergebnis sollen ein ausgearbeitetes Treatment und ein Trailer entstehen.
Einsendeschluss: 19. September 2025
Ein Antrag umfasst zwei getrennte pdf-Dokumente:
Ein Antrag umfasst zwei getrennte pdf-Dokumente:
- Einreichformular. Dieses Dokument ist nur für interne Zwecke und wird nicht an die Jury weiter gereicht.
- Anonymisierte Projektskizze für die Jury (gesamt < 15.000 Zeichen) bestehend aus: Synopsis und Projektbeschreibung, Persönliches Statement / directors note, geplante Arbeitsschritte und Zeitplan, grobe Kalkulation für die Recherchephase (siehe hierzu unsere Honorarempfehlungen ).
Sollte bereits Recherchematerial für das beantragte Projekt vorhanden sein, können bis zu 10 Minuten Video/Audioprobe eingereicht werden. Das Filmbüro braucht dazu einen download-link, am besten direkt in der Email.
Antragsberatung wir empfehlen eine kurze Antragsberatung im Filmbüro!
Jour fixe online für allgemeine Fragen
bis 17.September ohne Anmeldung
mittwochs 12:00 auf ZOOM.
Meeting-ID: 832 4732 7456
Kenncode: 080379
Einzelberatung, gerade auch für Branchenneulinge und "komplizierte" Projekte:
Mo-Do 12-14h Saskia Wegelein, 0421-7084891
(Email-Adresse)







