September 2020

20. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis

Die Jury des Filmbüro Bremen hat wieder den Recherchepreis vergeben.

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Die Jury bildeten dieses Jahr Sebastian Markt (Filmkritiker und Kurator aus Berlin), Elwira Niewiera (Regisseurin aus Berlin, Preisträgerin des 18. Bremer DOK Preises) und Barbara Thiel (Produzentin und Autorin, Bremen).

Jury des 20.DOK Preises: Sebastian Markt, Barbara Thiel, Elwira Niewiera
Jury des 20.DOK Preises: Sebastian Markt, Barbara Thiel, Elwira Niewiera

Jurystatement: „Es war eine herausfordernde Freude diese Projekte auswählen zu dürfen und ihnen auf dem Weg von einer Idee zum Film ein kleines Stück weiterhelfen zu können. Ihre Fülle an Interessen, Beobachtungen, Fragestellungen, Nachforschungen und Herangehensweisen, was sie versprechen, und die Tatsache, dass unter den über 70 Einreichungen noch viele mehr waren, von denen wir hoffen, sie eines Tages im Kino sehen zu können, unterstreicht für uns die Wichtigkeit die ein Preis wie der Bremer Dokumentarfilm Förderpreis hat. Gerade in Zeiten der Krise wird sichtbar welche Bedeutung Dokumentarfilm hat: als Kunstform, als Erweiterung des Blicks in die Welt, als Medium gesellschaftlicher Verständigung.

Wir wünschen dem Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ein langes und wohldotiertes Leben.“

19.09.2020 im City 46

20. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis – Preisverleihung

Im Rahmen des bundesweiten Aktionstages Let's DOK verleiht das Filmbüro seinen 20. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis am 19.09.2020 im City46.

Die prämierten Projekte des 20. Bremer Dokumentarfilm Förderpreises

PLENTY von Rebecca Blöcher, Hamburg/Bremen

Rebecca Bloecher
Rebecca Bloecher

Meine Mutter hat ein sehr unorthodoxes Leben geführt, welches sie sowohl in Paläste als auch unter Brücken führte. Mein Film wird aus ihrem an Geschichten reichen Leben schöpfen und eine Verbindung schaffen zu einer anderen mysteriösen Lebensform: den Pflanzen. Beide vereint eine Stärke, ein Überlebenswille und eine Anziehungskraft, dabei aber auch eine Verletzlichkeit und Abhängigkeit von Anderen, die ich in Beziehung setzen und ergründen werde.

Jurybegründung Was mag es heißen, ein Leben gelebt zu haben? Wie lässt sich davon erzählen? Wie umgehen mit der Kluft zwischen der eigenen Wahrheit und den Blicken der anderen? Plenty will die schillernden Selbst-Erzählungen der Mutter der Regisseurin mit einer faszinierenden, animierten Bildebene aus eigener Hand verbinden, die weniger illustriert, als weiterspinnt, Verbindungen schafft, einordnet, in andere Kontexte setzt und im Kino einen adäquaten Erfahrungsraum für einen unorthodoxen Lebenslauf schafft. Ein ungewöhnlicher Ansatz, der uns für den Versuch, einem ungewöhnlichen Leben gerecht werden zu wollen, äußerst vielversprechend erscheint.

LUISA von Silke Merzhäuser und Julia Roesler, Werkgruppe 2 Rosdorf/Niedersachsen

Luisa lebt in einer Einrichtung für schwerbehinderte junge Menschen in Süddeutschland, als unerwartet festgestellt wird, dass sie schwanger ist. Der Heimleiter stellt den Mitarbeitern ein Ultimatum. Es melden sich gleich zwei Männer, die zugeben, für den Missbrauch verantwortlich zu sein.

Jurybegründung Das dokumentarische Kino kennt verschiedene Wege zur Wahrheit. Luisa ist ein Projekt, das eine umfassende Recherche und die kollaborative Erarbeitung eines Skripts zusammen mit betroffenen Menschen mit inszenatorischen Mitteln verbindet.
Im ethisch komplexen Terrain sexualisierter Gewalt gegen behinderte Frauen überzeugt Luisa mit dem Vorhaben eines dokumentarischen Verfahrens, das versteckte und verschwiegene Gewalterfahrungen sichtbar – und damit besprechbar – macht, und dabei die Integrität und Persönlichkeitsrechte der Betroffenen wahrt.

AMERIKANISCHE NACHT von Nele Wohlatz, Pattensen/Niedersachsen

Können Tiere schauspielern? Dieser Film beobachtet ihre Arbeit mit Trainern: Das Erlernen bestimmter Handlungen und die Ratlosigkeit am Set, Missverständnisse zwischen der Intention des Trainers und dem Willen des Tieres. Momente, in denen der Dialog stattfindet und ein Tier sich in das Uhrwerk eines Drehs einfügt. Tiere als Hauptdarsteller, echt und fiktiv zur gleichen Zeit.
Jurybegründung: Amerikanische Nacht ist ein Begriff des Kinos, der das Drehen einer Nachtszene bei Tageslicht beschreibt, also mithin, das Schaffen einer Illusion. Amerikanische Nacht will auf die Interaktionen von Menschen und Tieren auf Filmsets blicken, in dem sich Wahrhaftes und Illusionistisches treffen und aus der Beobachtung ein feines Netz an Fragestellungen entwickeln, die auch über ihr unmittelbares Motiv hinausweisen. Ein Nachdenken, nicht als erklärender Kommentar, sondern mit filmischen Mitteln, über die Wahrheit des Kinos, über Sprache und Sprachlosigkeit, über unser Verhältnis zur Welt und den Moment, in dem wir leben. Darin möchten wir uns im Kino nur zu gerne verwickeln lassen.

JOHNNY ISLAND von Petra Mäußnest, Berlin

Petra Mäußnest
Petra Mäußnest

Trotz schwerer chronischer Erkrankung konnte unser Protagonist seinen geliebten Beruf als Lehrer in Berlin ausüben. Inklusion funktionierte vor Corona. Um sich vor einer Infektion zu schützen lebt der 34-jährige nun völlig isoliert in Schweden, und tut alles dafür, dennoch an seiner Schule in Berlin weiterarbeiten zu können. Die Langzeitdokumentation erzählt vom Kampf eines Menschen mit Handicap um gesellschaftliche Teilhabe und stellt die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den Ausgeschlossenen umgehen wollen.
Jurybegründung: Johnny ist einer der kämpft und nicht nur mit seiner Behinderung. Der Film will diesen Weg nachzeichnen und ihn dabei in einem besonders schwierigen Moment beobachten. Aus seiner Perspektive, aber auch im Blick auf die Welt, an der Teil zu haben seinen Kampf ausmacht.
In Johnny Island sehen wir das Potential zu einem Portrait eines beeindruckenden Protagonisten und zugleich einen Film, der einer Gesellschaft im Moment einer Krise einen unbequemen Spiegel vorhält und uns die Frage stellt, wie ernst wir es meinen mit dem Bekenntnis zu einer Gesellschaft, die alle in ihren Unterschieden ernst nimmt.

DIE FRAUEN VON DER SCHOKOLADENFABRIK von Orhan Çalışır, Bremen

Orhan Çalışır
Orhan Çalışır

Anfang der 1970er Jahre kam eine größere Gruppe türkischer Frauen als Gastarbeiterinnen in die Bremer Schokoladenfabrik Hachez. Junge Frauen, die alleine ins Ausland gingen. Es geht um die Geschichte dieser Frauen, die heute mit ihren Kindern und Enkelkindern in Bremen leben.
Jurybegründung: Die Schokolade ist bekannt, die Geschichte der Frauen, die seit 50 Jahren an ihrer Herstellung beteiligt waren und sind, kaum. Die Frauen in der Schokoladenfabrik möchte den Lebensläufen dieser Migrantinnen nachspüren. Ihre Erzählungen und Perspektiven festzuhalten, ihnen Stimme und Gesicht zu geben, erscheint uns wichtig, als Stück Bremer und deutscher Nachkriegsgeschichte.

Ausschreibung 2020

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(c) Hannah Wolf
(c) Hannah Wolf

Am Anfang steht die Idee – dann folgt ein oft steiniger Weg bis zur Umsetzung: ausführliche Recherchen, dramaturgische Aufbereitung und die Entwicklung eines filmischen Konzeptes sind mit viel Arbeit, Zeit und Kosten verbunden. Das Filmbüro Bremen unterstützt mit seinem Förderpreis seit 1991 die Lust am dokumentarischen Filmschaffen und ermöglicht mindestens zwei Projekten eine intensive Entwicklung. Gesucht werden unerwartete Themen, sowie interessante Herangehensweisen.

Der Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ist ein Recherche-Preis. Prämiert wird die Idee für einen Dokumentarfilm, die mit Hilfe des Preisgeldes recherchiert und zur Produktionsreife gebracht wird. Antragsberechtigt sind AutorInnen und FilmemacherInnen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Die Einreichung erfolgt dieses Jahr erstmals anonymisiert.

Eine unabhängige Fachjury entscheidet frei und ohne inhaltliche Vorgaben und vergibt zwei bis drei Preise in Höhe von insgesamt 12.500 €, bereitgestellt vom Bremer Senator für Kultur und aus Spendengeldern. Ein Preis ist einem Projekt mit Bremenbezug vorbehalten.

Der Dokumentarfilm Förderpreis wird zweckgebunden für die Entwicklung des eingereichten Projektes vergeben, die Auszahlung erfolgt in drei Raten. Als Ergebnis sollen ein ausgearbeitetes Treatment und ein Trailer entstehen.

Die eingereichten Projektskizzen liegen jetzt der Jury vor. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Aktionstages Let‘s DOK am 19. September 2020 in Bremen statt.

Das Filmbüro bietet im Juli außerdem persönliche oder telefonische Antragsberatungen an.
Im August ist das Filmbüro dagegen nur eingeschränkt besetzt.
Einsendeschluss: 16. August 2020.

Ein Antrag umfasst zwei getrennte pdf-Dokumente:

  1. Einreichformular: Dok Preis 2020
    Dieses Dokument ist nur für interne Zwecke und wird nicht an die Jury weiter gereicht.

  2. Projektskizze für die Jury (gesamt < 15.000 Zeichen) bestehend aus:
    Kurzsynopsis
    Projektbeschreibung
    Persönliches Statement
    geplante Arbeitsschritte und Zeitplan
    grobe Kalkulation für die Recherchephase

Sollte bereits Recherchematerial vorhanden sein, kann ein Link zu max.10 Minuten Video/Audioprobe angegeben werden. Bitte ohne Credits.

Einsendungen bitte an (Email-Adresse)

Beratung und Information

Logo Filmbuero klein
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Filmbüro Bremen e.V.
Saskia Wegelein, Ilona Rieke
Tel: 0421 - 708 48 91
(Email-Adresse)

FAQ

Geplante Arbeitsschritte und Zeitplan

Gemeint ist ein Zeitplan der Recherchephase.

Kalkulation

Es geht um die groben Kosten der Recherchephase, also bis zum nächsten Produktionsschritt. Die Kalkulation kann daher auch sehr kurz sein.
Für die Jury sind die Ausgaben an Dritte wichtig, denn niemand soll Bargeld in die Recherche stecken müssen.

Ein eigenes Honorar darf gerne auch rein. Die Jury kommt aus dem wahren Leben und weiß um dessen Notwendigkeit.

Die Kalkulation ist nur ein Anhaltspunkt für die Jury, das Preisgeld muss später nicht abgerechnet werden.

Der Preis ist Projekten vorbehalten, die noch keine andere Förderung erhalten haben.

Arbeitsproben / visuelles Recherematerial

Die PDF der Projektskizze kann beliebig mit eigenem visuellem Material ergänzt werden. Hier bitte keine Links einfügen; die AntragstellerInnen sollen für die Jury anonym bleiben. Wir behalten uns sonst vor, die betreffenden Stellen zu schwärzen.

Sollte bereits audiovisuelles Recherchematerial konkret zu dem beantragten Projekt bestehen, kann ein Link zu einer Video/Audioprobe von max.10 Minuten angegeben werden. Der Link muss im Formular, nicht in der Projektskizze angegeben werden.

Anonymisiertes Antragsverfahren

Bremen macht sich auf, eine Forderung aus der Filmbranche umzusetzen:
"Wir sind überzeugt, dass das Publikum ungewöhnliche und randständige Filme sehen möchte. Um die zu bekommen, müssen wir ebensolche Stoffe suchen und wir müssen QuereinsteigerInnen und QuerdenkerInnen die Türen öffnen. Das fällt großen Förderungen und Sendern mit ihren Entscheidungsstrukturen schwer.

Wir sind klein, wir gehen vor. Der Bremer Dokumentarfilm Förderpreis - 1991 als erster seiner Art gegründet - ist schon immer ein Türöffner gewesen: die Jurys des Filmbüro Bremen haben in der Regel nicht die bereits großen Namen gefördert, sondern Entwicklungspielräume geschaffen und Experimente ermöglicht. Entwicklungsförderung ist von Natur aus risikobehaftet. Die Erfolgsbilanz des Preises kann sich dennoch sehen lassen: die Hälfte der geförderten Rechercheprojekte wurde als Film realisiert - mit Geldern aus Sendern, Förderungen, Stiftungen, Crowdfunding; häufig für das Kino und häufig preisgekrönt. Anlässlich der Preisverleihung des diesjährigen Bremer Dokumentarfilm Förderpreises zeigen wir eine solche Erfolgsgeschichte: Der Prinz und der Dybbuk von Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski begann als Archiv-Fund, wurde eine europäische Koproduktion und gewann einen goldenen Löwen in Venedig. Die erste Förderung erhielt das Autorenteam vom Filmbüro Bremen.
Das anonymisierte Bewerbungsverfahren ist ein weiterer Schritt, an bestehenden Strukturen zu rütteln und Türen zu öffnen."
Bremen, Juli 2020

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